StrongVoice

Eine starke Stimme lässt sich trainieren. Entscheidend ist ein guter Trainingsaufbau, der sowohl Stand, Atmung und die Stimme selbst beinhaltet. Wie im Sport muss ein Training im Hochleistungsbereich genau auf die Ziele und den Ausführenden angepasst sein und lässt sich nicht verallgemeinern. Für Lernende und zur Inspiration habe ich hier aber die grundlegendsten Warm-up-Übungen zusammengestellt. Falls dich die Hintergründe interessieren, wie die Stimme funktioniert, findest du hier mehr Infos.

Kleine Kinder sind das beste Vorbild, wenn es um das Entdecken der eigenen Stimme geht.

Wichtige Hinweise zum Umgang mit Gesangsübungen.

Warm-up für die Stimme

1. Aufwärmen des Körpers

Dein Körper ist dein Instrument. Erst mit einer guten Aufrichtung der Wirbelsäule kann das Zwerchfell gut arbeiten. Zudem stehen verspannte Halsmuskeln der freien Klangentstehung im Kehlkopf im Weg. Je besser du deinen (Klang-)Körper kennst, umso besser wirst du mit der Zeit spüren, was dir vor dem Singen gut tut. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus Lockerungsübungen, Dehnungen und Selbstmassagen. Ein paar Ideen:

  • Hüpfen und/oder
  • mehrminütiges Balancieren auf einem Wackelbrett/Balanceboard
  • Konditionstraining unterstützt die Atmung, den Blutdruck, hilft gegen Stress und trägt zu einer besseren Haltung bei. Ich selber singe sehr gerne direkt nach dem Sport.

2. Atemraum schaffen

Verspannte Muskeln können die Arbeit der Atemmuskulatur behindern. Darum sind Dehnungen und Selbstmassagen hilfreich. Achtung: Hier geht es um Öffnung von Raum (Atemraum), die Atemführung beim Gesang funktioniert anders und wird später angegangen. Eine gute Einstiegsübung:

  • sich genüsslich räkeln, strecken und dehnen wie eine Katze

Um Raum im Brustkorb zu schaffen, rollen wir die Wirbelsäule so ab:

Beobachte, wie dein Rücken beim Abrollen lang und breit wird. Beim Aufrollen nutzt du die Kraft von Füssen, Beinen und Beckenboden für deine Atmung/Stimme.

3. Resonanzraum schaffen

Verspannte Gesichtsmuskeln können den Resonanzraum verengen, so dass unsere Stimme an Volumen verliert. Eine meiner Lieblingsübungen dagegen ist diese:

  • Du kneifst das ganze Gesicht so fest zusammen wie es geht (ich ziehe dazu auch automatisch die Schultern hoch und balle die Hände zu Fäusten).
  • Halte diese Anspannung etwa sechs Sekunden lang, dann lässt du alles langsam los. Wenn du das Gefühl hast, alles losgelassen zu haben, lässt du NOCH mehr los.
  • Wiederhole dieses „Anspannen – sechs Sekunden halten – lösen, lösen, lösen“ ein paar Mal.

Verspannungen im Brustkorb können das freie Schwingen der Stimmlippen im Kehlkopf stören. Darum lohnt es sich, den Schulter- und Nackenbereich mit Selbstmassagen, Lockerungs- und Dehnübungen „weich zu kriegen“.

4. Aktivieren der Atemmuskulatur

  • Lege eine Hand auf den Bauchnabel, die andere direkt darunter.
  • „Wirf“ nun vehement ein paar Konsonanten in den Raum (t, k, s, sch, pf, p, f). Spüre, wie deine Atemmuskulatur arbeitet.
  • Lege deine Hände auf den untere Rücken und versuche, die Bewegung auch dort zu spüren.

5. Warm-up für die Stimme

Das Lippenflattern (lip rolls, lip thrills) gilt als eine der beliebtesten Übungen für die Stimmlippen. Sie vermag die Stimme schnell aufzuwärmen und nach dem Singen abzukühlen.

Vorteile der Übung:

  • Die Lippen flattern nicht, wenn der Luftstrom nicht gut funktioniert. Die Lippen sind eine Vorstellungshilfe, wie das Vibrieren der Stimmlippen im Kehlkopf funktioniert. Beim Lippenflattern lernen wir also das ideale Mass an Luft kennen, auch für den reibungslosen Übergang zwischen Stimmregistern.
  • Das Lippenflattern hilft, den Kehlkopf in einer neutralen Position zu halten und trainiert das Entspannen der Gesichtsmuskulatur. Dies führt zu mehr Resonanzraum.
  • Dadurch, dass die Lippen nur einen Teil der Luft rauslassen, der andere aber zurückgeworfen wird, erhalten die Stimmlippen quasi eine „Luftmassage“. Diese Vibration ist hilfreich für die Gesundheit und Stärke der Stimme.

Wie geht Lippenflattern?

Zu Beginn lässt du die Töne einfach rauf und runtergleiten.
Versuche in verschiedenen Tonhöhen, den Ton möglichst lange gerade zu halten.

6. Brillanz in der Stimme: Vom Uhu zur Singstimme

  • Imitiere ganz leise einen Uhu.
  • Sing dann leise auf einem Ton abwechselnd u und o. Versuche, deine Gesichtsmuskulatur dabei so entspannt wie möglich zu lassen. Von Aussen her sollte man kaum den Unterschied zwischen u und o sehen können.
  • Lege deine Hände wie Schalen über die Ohren. Kannst du die Brillanz, ein Vibrieren, Obertöne wahrnehmen?
Finde Tonhöhen, in denen du dich so leise wohl fühlst.

7. Energie in der Höhe: Von der Hexe zur Singstimme

  • Stell dir vor, du wärst die Hexe in einem Kindermärchen, die leise böse „hihihiiii – juhu“ lacht.
  • Experimentiere mit verschiedenen Tonhöhen.
  • Aus dem Lachen heraus kannst du bspw. in einen Dreiklang übergehen.
Beginne mit Tonhöhen, in denen du dich wohl fühlst. Von da aus gehst du möglichst tief und möglichst hoch.

8. Wohlklingende Tiefe: Vom Schaf zur Vollstimme

  • Stell dir die Augen eines etwas dümmlich reinschauenden Schafs vor und blöke ein „Bäh“. Achte darauf, dass du Kiefer und Zunge entspannst, die Zunge kannst du fast vorne raushängen lassen.
  • Aus diesem Bäh heraus gehst du direkt in ein A über (also Bä-ah).
Experimentiere auch hier mit verschiedenen Tonhöhen, die noch ohne Spannung durchführbar sind.

9. Registerwechsel trainieren

  • Kombiniere die beiden vorherigen Übungen: Bä-ah auf einem entspannten, tiefen Ton UND eine Oktav höher ein lachendes u und wieder runter auf ein entspanntes Ah.
  • Versuche, ein langsames Glissando zu singen (den Ton also langsam hinauf- und hinuntergleiten lassen).
Lass Kiefer und Zunge so entspannt wie möglich.

Wichtig: Nutze die Kraft deiner Füsse, Beine und deines Beckenbodens, um Raum (=Resonanz) und Freiheit im Hals und im oberen Bauch zu gewinnen.

10. Songs üben

Es ist sinnvoll, die Gesangsübungen auch auf Songs anzuwenden (bspw. schwierige Stellen mit Lippenflattern, hohe Stellen mit u-o oder Hexenlachen, tiefe Stellen mit der Schafübung zu kombinieren. Das ständige Vergleichen und Nachspüren, was sich wohl und frei anfühlt, bringt dich weiter.

Wähle die Songs, an denen du übst, mit Bedacht, damit du deine Stimme nicht überforderst. An deine Grenzen zu gehen, ist natürlich gut, weit darüber zu schiessen bringt dich langfristig nicht weiter. Siehe auch Tipps zum Umgang mit Übungen.

Gönne dir bewusst auch Momente, wo du aus purer Freude singen (und die ganze Technik vergessen) darfst.

11. Cool Down

Die meisten Stimmprobleme von Sängern lassen sich auf muskuläre Verspannungen zurückführen. Genau wie beim Sport ist es daher sinnvoll, nach dem Singen die Muskeln wieder zu lockern.

Für die Stimme eignen sich da ähnliche Übungen wie zum Einwärmen (Lippenflattern, stimmhafte Konsonanten), aber auch einfach Lockern, alles ausschütteln – lass deine Stimme und deinen Körper das tun, was sie entspannt.

Weitere Singinfos

Weiterführende Tipps und Artikel zu Stimme, Auftrittskompetenz und Atmung habe ich hier aufgelistet.